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Vergessen Sie Ihre heimische
Wanne: Moderne Thermen machen aus Badegästen Weltenbummler. Der stern ist in den
schönsten Wasser-Palästen Deutschlands abgetaucht.
Das Ogott-Ogott dieser Tage treibt weg wie ein Floß auf einem großen, klaren
Tropenfluss. Nur fort mit euch, murmelt man den Sorgen noch hinterher. Will euch heute
nicht mehr hören, lasst mich in Frieden. Bald sind die Füße wie Fellpantoffeln. Und
dann spürt man nichts mehr als ein seidenes Wohligsein.
BADEN TUT GUT. Tuut guuut. Das Thermalwasser gibt dem Körper Auftrieb. Und der
Seele auch. Man fühlt sich sehr, sehr leicht. Grübeln geht nicht an einem so charmanten
Ort wie dem Palais Thermal in Wildbad. Laut sein geht zum Glück auch nicht. Man schleicht
sachte auf Zehenspitzen, um die anderen nicht zu stören, nicht die heilige Ruhe dieses
Ortes. Und vor allem nicht sich selbst.
Bad Wildbad wäre nicht viel mehr als ein verstaubter Kurort in einem engen
Schwarzwaldtal, gäbe es nicht jenes Palais Thermal, diesen Badetempel aus königlichen
Zeiten. Eine Kostbarkeit, die 1847 eröffnet und 1995 in alter Pracht wiederbelebt wurde.
Ein Labyrinth aus Becken und Gängen, aus Fürstenwannen und Frauenbädern. Von
irgendwoher erklingt plötzlich leises Gelächter. Oder sprudelt da nur die Fantasie?
An den Fenstern Jugendstil-Glasgemälde, an den Säulen maurische Ornamente, ein
überladener Prunk, scharf an der Grenze zum Kitsch. Wer traut sich heute noch, einen
Zweckbau mit so viel Pathos zu verzieren? Am Ende leuchtet es vollkommen ein, dass man nur
so baden kann. Nur so. Die gute alte Zeit, denkt man, vielleicht war sie ja wirklich mal
gut.
Dann legt man sich in das nächste Becken, die Arme ausgebreitet. Weigert sich, sich zu
bewegen. Reimt, nur für sich, Wonne auf Wanne. Sieht, dass das Wasser spiegelglatt wird,
wenn man einfach nur so dahängt, so schlapp und schlaff. So entspannt. Und findet, dass
es eine gute Idee sein könnte, die Härchen auf den Zehenrücken zu zählen, wundert sich
ein bisschen, dass da wirklich Härchen wachsen und dass ein so schönes Wort wie
Zehenrücken im Grunde kein Mensch benutzt. Bei sieben hört man auf, ganz einfach, weil
man die Lust verliert, und das ist alles, was in diesem Augenblick zählt. So geht das
stundenlang. Die Zeit schlägt nicht wie sonst ihren Takt mit der Gewalt eines
Galeerentrommlers. Hier fließt sie, samtig, geschmeidig. Taut so vor sich hin. Versickert
in dieser Wasserwunderwelt.
Darf man das, in diesen Zeiten? Der kälter gewordenen Welt so schnöde den bloßen
Rücken zudrehen und einfach untertauchen? Muss man sogar, um nicht verrückt zu werden.
Sagen Psychologen. Und auch ein Fachmann wie der Badearzt Hieronymus Walch jun., der im
Jahre 1667 notierte: Der Gast solle "sich mit schweren Gedancken/zu diser Zeit nicht
beladen/sondern das Gemüth frey und Sorglos halten/und alle Traurigkeit aus dem Sinn
schlagen".
FRÜHER, IM ALTEN ROM, bauten die Cäsaren luxuriöse Thermen für das Volk, der Eintritt
war meist kostenlos. Dort traf man sich, trieb Sport, aß, las oder schwatzte, war froh,
den dunklen, dumpfen und im Winter kalten Mietskasernen entflohen zu sein. Sklaven
befeuerten unentwegt die Öfen, ein Röhrensystem leitete heißes Wasser und Dampf unter
die Fußböden, deren Steinplatten mitunter so heiß waren, dass die Badegäste Holzschuhe
überstreiften. Wellness auf Staatskosten hat Tradition.
33 Millionen Mark ließ das Land Baden-Württemberg in die Restaurierung des Wildbader
Wasserpalastes fließen. Das Schöne daran: Jede Mark hat sich gelohnt. In Wiesbaden
möbelte man jüngst die Kaiser-Friedrich-Therme für acht Millionen Mark auf. Anderswo
sind Designer-Oasen entstanden, gegen deren Panoramafenster die Hektik des Lebens
vergebens anbrandet. Deutschland, das klinisch starre Kurlaubsland, wird zum
Wellness-Country. Auch wenn keiner weiß, wie man das Wort eigentlich übersetzen soll.
Bad Wildbad - Palais Thermal Herrlich
verspielter, nostalgischer Irrgarten aus Bädern, Wannen und Gängen,
mit sehenswerter maurischer Halle. Sehr intim. Moderne Sauna im Obergeschoss,
leider nur sehr kleine Dachterrasse. 07.11.2001
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